Musikredakteur:innen im DDR-Rundfunk




Jahrzehnte alte Beiträge aus der DDR-Rundfunkzeitung des letzten Jahrhunderts (Privatarchiv) beschreiben beispielsweise - wenn auch immer nur ausschnittsweise - die allumfängliche Arbeit von einigen wenigen Musikredakteur:innen damals bei Radio DDR 1. In drei sehr ausführlichen Gesprächen kommen drei weitere Musikredakteur:innen ganz direkt zu Wort. Wolfgang Martin, der bei "Stimme der DDR" und "DT64" agierte und Autor des Buches "Wie die Westmusik ins Ostradio kam" ist sowie Elisabeth Heller und Siegfried Jordan, die beide in der Musikredaktion von "Radio DDR I" arbeiteten:

So agierten beispielsweise Musikredakteur:innen von Radio DDR I in ihrer Redaktion vor ihren hölzernen Karteikästen. Zu sehen sind private Aufnahmen von und mit ehemaligen Kolleg:innen in zwei Redaktionsräumen in den sogenannten Musikbaracken, die vor Jahrzehnten abgerissen wurden. Sie befanden sich gegenüber vom Block E-T, den Sendestudios vom DDR-Rundfunk.

Foto: © Elisabeth Heller | Zeitzeugenarchiv

In jedem Karteikasten - siehe Fotos anbei - befanden sich unzählige kleine Kärtchen - versehen mit Angaben zu jeweils einem einzigen Musiktitel. Es waren Angaben, die heutzutage ganz selbstverständlich im Netz abgerufen werden könnten und bei Streaming Anbietern dann auch noch rund um die Uhr hörbar wären. Seinerzeit aber gab es noch kein Internet! Geschweige denn eine Vorstellung davon.

Im analogen Zeitalter begaben sich Musikredakteur:innen mit besagten kleinen Kärtchen erst mal auf den Weg ins so genannte "Schall bzw. Bandarchiv" (Block A im Erdgeschoss). Dort suchten sie zusammen mit den Frauen nach Angaben auf den Kärtchen die jeweiligen Bandkartons heraus. In jedem solcher Kartons befand sich ein einziges Magnettonband mit einem darauf produziert-abgespeicherten Musiktitel. Noch vor Ort im "Schallarchiv" konnten die Musikredakteur:innen an Bandmaschinen in die jeweiligen Musiktitel reinhören. Und das so oft, bis die Musik dann auch im eigenen Kopf ausreichend "abgespeichert" war.

Mit dem erweiterten musikalischen Gedächtnis ging es zurück an den Redaktionsschreibtisch zum "Karten-Legen". Oder anders ausgedrückt: dahin, wo Musiksendungen mithilfe der kleinen Kärtchen "programmiert" werden sollten.

Am Schreibtisch fertig gestaltete und aufeinander gestapelte "Karten-Musikprogramme" (erlaubt waren 40 % West- und 60 % Ost-Musiktitel) wurden von Sekretärinnen mit ihren Schreibmaschinen auf fünf Papierseiten gebracht (mithilfe von schwarzem Pauspapier). Solche Papierdurchschläge waren gedacht "zum Abzeichnen" für diejenigen, die entschieden, ob eine Sendung mit der ausgewählten Musik so überhaupt laufen durfte oder nicht.

Die Gestaltung von musikalisch-literarischenFeuilletons war vor allem mit der Herausforderung verbunden, jedes Musikgenre in die Sendung mit einzubringen und die Musikstücke stimmig-hörbar miteinander zu verbinden. Hier ein ganz kleines Beispiel von musikalischen Überleitungen vom Folk-Titel (Lied-Ende "Dat du min Leevsten büst" ) hin zu einem Klassiktitel (Anfang vom "Menuett in A "von Boccherini) und dann vom Ende des Klassiktitels die weitere Überleitung hin zum Schlager (Lied-Anfang "Eine Liebe ...") ... || Quelle der musikalischen Collage sind die jeweiligen Audios von YouTube-Videos, die geteilt werden dürfen:

Flick Flack | Kultur über Kopf
... so der Titel einer Sendereihe für junge Leute bei ARTE.tv mit mehrminütigen Filmbeiträgen aus ganz Europa.

Seit Ende März 2019 ist in der ARTE.tv-Mediathek ein Video zu sehen, für dessen Produktion Hélène Bigot und Sébastien Bergé extra nach Berlin reisten, um dort zusammen mit der ehemaligen DDR-Musikredakteurin Elisabeth Heller noch vorhandene und betretbare Räumlichkeiten im denkmalgeschützten Part des Funkhauses zu erkunden. Das filmische Resultat dieser Expedition sei an dieser Stelle gern geteilt:


Screenshotlink zu Flick Flack | YouTube-Kanal von ARTE.tv

Wenn die Elisabeth Heller im Video davon spricht, dass sie in DDR-Zeiten so was wie “Spotify” heute gewesen sei, ist das natürlich so nicht richtig. Denn im übertragenem Sinne nutzte sie für ihre Arbeit lediglich das seinerzeit vorhandene zentrale musikalische Angebot des Bandarchivs des DDR-Rundfunks. Siehe auch Interview im August 2020: Zeitzeugin Elisabeth Heller bzw. oben.

Wie im von ARTE gestalteten Beitrag mit erwähnt wird, war es der Bauhausschüler und Architekt Franz Ehrlich, der in der Mitte des letzten Jahrhunderts gemeinsam mit Gerhard Probst das DDR-Rundfunkzentrum in Berlin entwarf und errichtete. Der im Verlauf des ARTE-Videos auch abgebildete lichtdurchflutete Bogengang im Block B mit seinen großen Stahlfenstern war seinerzeit lediglich eine Reminiszenz Franz Ehrlichs an das Bauhaus. Siehe auch: BaudenkmaL




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